Markt der Möglichkeiten 2003

Laudatio auf den diesjährigen Preisträger der "Fuldaer Rose" Pfarrer Fried-Wilhelm Kohl durch Bernhard Lindner
 

Frau Ministerin,
Herr Pfarrer Kohl,
sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich Ihrer Amtseinführung und der Ihrer Frau in 1994  erinnerte Dr. Weidemann daran, dass Kirche neben der Zuwendung zum Einzelnen in der Seelsorge in beträchtlichem Maße Aufgaben bei der Gestaltung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit übernehmen müsse und sie nicht allein dem Staat und den ihn tragenden Parteien überlassen bleiben dürfe. Für unsere demokratische Gesellschaft sei es schädlich, „wenn es im Felde der sozialen Verantwortlichkeiten gar eine Staatsomnipotenz gäbe“. Deshalb solle Kirche zu Gesellschaftsfragen immer wieder Stellung beziehen, wie es in der Ost- oder der Friedensdenkschrift deutlich wurde und von denen in besonderem Maße mit großem Erfolg Impulse an die politisch Handelnden ausgegangen sind. So hat Bonhoeffer ganz im Sinne Luther’s gefordert, dass „Christen nicht hinter Klostermauern gehören, sondern in das feindliche Leben“.

Hinschauen, Meinung vertreten, sich einmischen: Das sind die Botschaften im Allgemeinen aber auch im Besonderen für Ihre Person. Sie, Herr Pfarrer Kohl – und in besonderem Maße auch Ihre Frau – schauen hin, Sie vertreten Meinung – auch wenn sie nicht allen passt – Sie mischen sich ein.
Wer sonntags Ihre Predigten hört, spürt, wie Sie Brücken schlagen:
Brücken zwischen der Heiligen Schrift und dem Hier und Heute, Brücken zu ihren Zuhörerinnen und Zuhörern, die sehr konzentriert ihren Botschaften lauschen. Brücken schlagen zu Mitmenschen anderer Konfessionen und Glaubensrichtungen. Ihre ökumenischen Gebete gemeinsam mit Katholiken, Juden und Moslems sind ein Beleg dafür – ein Stück gelebter Ringparabel.
Dabei gehen Sie keineswegs zimperlich mit Ihrer Meinung um, verlangen ihren Zuhörern einiges ab. Hat Walter Jens Sie vor Augen gehabt, als er postulierte:
„Nicht die sogenannte zeitlose Rede – sie ist austauschbar und beliebig – sondern nur die persönliche zeit- und subjektbezogene  Predigt, formuliert in der Diktion unserer Zeit, gibt der Rede ihre Glaubwürdigkeit“. Ihre Themen reichen von Holocaust bis Homosexualität, von menschlichem Glück bis Gottes Gnade.

Sie zeichnen Ihre Predigten aus. Sind aber Grund genug für uns, Sie mit der Fuldaer Rose auszuzeichnen? Diese Rose wird dieses Jahr zum zwölften Mal vergeben. Sie wird verliehen an Persönlichkeiten, die Zivilcourage zeigen, die gegen den Strom schwimmen, die sich in besonderem Maße ehrenamtlich engagierten.
Hier stellt sich nun die Frage, haben Sie Ihren Predigtworten auch Taten folgen lassen? Haben Sie nicht nur prononciert Ihre Meinung vertreten, haben Sie hingeschaut, haben Sie sich eingemischt?
Wir schreiben den 30. August 2002. Wieder einmal haben sich Neonazis in Fulda angesagt. Wieder einmal wollen sie marschieren. Diesmal aber standen viele Fuldaer Bürgerinnen und Bürger bereit, dem braunen Parolen Paroli zu bieten. Und Sie, Herr Pfarrer Kohl, taten, was ein engagierter Christenmensch tun sollte: Sie läuteten die Glocken der Christuskirche – ein Zeichen des Protestes von Kirche im Namen des Kreuzes gegen Nazitiraden. Ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden waren mit dabei als es galt, Front zu machen gegen die Zerstörer von Demokratie, Kultur und christlichen Werten. Gegen jene, die ihre faschistische Ideologie zur Religion erheben. Einige nahmen am Protestmarsch teil trotz eines Schulverbots – ein kleines Stück Zivilcourage.

Doch das Läuten der Glocken hat zwei weitere Pikanterien:
Gegenüber der Presse erklärten Sie Ihre Reaktion damit, dass Sie die Tradition des Dybaschen Mahnläutens wieder beleben wollten. Doch gerade Dr. Dyba verweigerte seinerzeit das Läuten der Domglocken als die Neonazis im August 1993 ihren Aufmarsch auf dem Domplatz zelebrierten. Zumal er dazu vom Ehepaar Herrlich ausdrücklich dazu aufgefordert wurde. Dafür erhielten sie auch die Fuldaer Rose.
Zum Zweiten erinnert Ihr Läuten Christen gegen Rechts auch an Zeiten, da waren Christen für Rechts. Auf dem Platz vor der Christuskirche huldigten Geistliche der Deutschen Kirche dem Führer mit dem Deutschen Gruß. Ein schlimmer Schatten auf Bäffchen und Talar. Niemand kann es ungeschehen machen, doch ruft es nach Aufarbeitung. Diesem Ruf stellen Sie sich.

Mit der Verleihung der diesjährigen Fuldaer Rose wollen Ihnen Dank sagen für Ihr Engagement und Ihnen Mut machen zum Weitermachen. Sie stehen hier aber auch als Stellvertreter. Da ist einmal Ihre Frau, die Sie unterstützt und oft genug auch antreibt. So antreibt, dass Sie oft genug auch bremsen müssen. Zum anderen sind es Ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden, die zwischen Kuschelteddy und Elternprotest, zwischen Gott und No Angels ihren Lebensweg suchen. Hier ist es die Verantwortung von Kirche, Staat und Elternhaus, von Pfarrern, Lehrern und Eltern, Lebenswelten zu hinterfragen, Konfliktlinien aufzuzeigen und Orientierung zu geben. Sie stark zu machen gegen falsche Verheißungen, gegen Flucht in Drogen und gegen dröge Phrasen. Nächstenliebe zu leben und Verantwortung für den anderen zu übernehmen sind christliche und zugleich demokratische Tugenden. Philip Potter schreibt in seinem Vorwort zu dem Buch von Bischof Kurt Scharf „Für ein politisches Gewissen der Kirche“: „Die Kirche ist mehr denn je aufgerufen, das politische Gewissen der Menschheit zu sein; mit Wort und Tat des Warnens und der Hoffnung“.

Die Fuldaer SPD dankt Ihnen, Herr Pfarrer Kohl, stellvertretend mit der Verleihung der 12. Fuldaer Rose 2003.
Aber wir danken symbolisch auch insbesondere ihren Konfirmandinnen, die engagiert den Protest gegen die Neonazis unterstützten. Stellvertretend sei hier Anna erwähnt.
Auch dafür eine Fuldaer Rose.
 
 

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