Fulda bewegt sich

Jonathan Wulff

Der bisherige OB-Wahlkampf aus Sicht eines Sozialdemokraten zur Karnevalszeit unter besonderer Berücksichtigung des Slogans des CDU-Kandidaten Heiko Wingenfeld
von Jonathan Wulff

Was für ein Plakat! Ein sympathischer, junger Mann mit moderner Nerd-Brille, spielende Kinderchen und ein Slogan, der den Nagel auf den Kopf trifft: „Fulda bewegt sich!“. Das gilt jedenfalls für die CDU: sozialer Wohnungsbau, ÖPNV und jährliche Domplatzkonzerte sind ihr im Wahlkampf auf einmal unheimlich wichtig. Gerade bei diesen Themen hielt sich ihre geistige Beweglichkeit bisher allerdings eher in Grenzen.
Der Bewegungsdrang der CDU-Plakatierer geht hingegen stark in Richtung nervöse Zuckungen. Schon am vergangenen Freitagabend, also vor Beginn der Plakatierungserlaubnis, war fast keine Laterne vor ihnen sicher. Es wäre wohl ein wenig besser gewesen, wenn sie sich zu der Vorbesprechung des Ordnungsamtes hinbewegt hätte. Da wären sie freundlich gebeten worden, 100 Meter Abstand zwischen den eigenen Plakaten zu lassen und hätten vielleicht erfahren, dass die Laternen gar nicht mehr mit Hohlkammerplakaten versehen werden durften. Sie hätten auch die Begründung erfahren. Vorsicht kein Karnevalsscherz: Hochgehängte Hohlkammerplakate können nämlich nach Meinung der Rhönenergie die Statik der Lichtmasten gefährden. Im Klartext: Wingenfelds Plakat droht nicht nur Fulda, sondern auch die Laternen zu bewegen… Nun ja, die CDU wird sich vielleicht gedacht haben, dass das Ordnungsamt ihr eh‘ nichts zu sagen hat. Wer (außer dem Wind), würde es schon wagen, ihren Kandidaten wegzubewegen? Nach Aufforderung der SPD an den Ordnungsdezernenten, die Plakate abzuhängen oder aber die Regeln anzupassen, wurden dann auch sozusagen die Regularien bewegt …
Die SPD-Plakatierer werden sich übrigens wohl erst nach Fasching so richtig bewegen, sofern die CDU bis dahin noch einige Laternen übrig lässt. Jedenfalls sind wir überzeugt, damit viele Wähler zur richtigen Entscheidung bewegen zu können. Birgit Kömpel sieht nämlich nicht nur besser aus als Heiko Wingenfeld, sie will auch noch wirklich was bewegen!
Sollte der Kandidat der Grünen, Ralf Zwengel, die Wahl gewinnen, müsste sich hingegen die Stadtverwaltung bewegen – und dass noch nicht einmal im übertragenen Sinne. Zwengel hat nämlich vorgeschlagen (Vorsicht, auch das ist kein Karnevalsscherz!), dass die Stadtverwaltung in das Löhertor-Center umzieht und das teuer zum Bürogebäude umgebaute Stadtschloss nunmehr für das „kulturelle Leben“ genutzt wird. Wie er den Eigentümer des Löhertor-Centers nun dazu bewegen will, sagt er allerdings nicht…
A propos Grüne: auch die Fuldaer Zeitung bewegt sich. Neben Artikeln, in denen sie gerade den Mindestlohn oder die Windkraft schlecht macht, oder Wingenfeld hofiert, verteidigt sie nunmehr engagiert die Grünen. Was ist passiert? Die SPD konnte die Grünen nicht so recht zur Zusammenarbeit bewegen und war nach vielen Jahren freundschaftlicher Verbundenheit enttäuscht, dass die Grünen auf einmal als primäres Wahlziel ausgaben, „die SPD zu schlagen“. Wochen nachdem sie diese überraschende Gefühlsregung mit journalistischem Spürsinn ermittelt hatte, hielt es die FZ dann für wichtig, ihre Leser über Befindlichkeiten zwischen SPD und Grünen zu informieren. Sehr bewegend! So wie die FZ die Grünen und ihren Kandidaten derzeit hoch lobt, stellt sich mir allerdings eine Frage: Wer hat sich jetzt bewegt? Die FZ oder die Grünen?
Jedenfalls habe ich mich bewegt. Nachdem ich mir den Heiko Wingenfeld ausgiebig angesehen habe, habe auch ich mir so eine Nerd-Brille gekauft. Man bewegt sich halt mit der Zeit…